Zwischenstadt
Stadt und Umland
Das Städteforum kann und darf seinen Fokus nicht auf die historische Bausubstanz beschränken – sonst verpasste es wie viele Raumstrategen und Politiker die Entwicklung. Im ISG-Magazin 2/2005 betrachteten wir die „Schrumpfenden Städte“; in historischen Stadtzentren ist dieses Schrumpfen auch auf die Errichtung von Bauten in einem ringförmigen Umraum um diese Zentren zurückzuführen. Alte Bauten wirken, riechen und sind auch oft – vor allem, wenn sie lange nicht aufgeliftet wurden – abgebraucht; man zeiht lieber in einen Neubau ohne Probleme an den Stadtrand. Dies gab es auch früher schon, besonders im 19. Jahrhundert, als um die heutigen Zentren die sogenannten Gründerzeitgürtel entstanden, die zwar für die stark wachsende Bevölkerung gebaut wurden, in die es aber eine erste Abwanderung aus dem Kern gab. Damals rückten vielfach Geschäfte in die frei werdenden Bauten nach – es entstand die Einkaufsstadt.
Der im 20. Jahrhundert extrem wachsende PKW-Verkehr in den Zentren wurde in den 60er und 70er Jahren unerträglich: Abgase, Lärm, Verkehrsunfälle, Parkplatzprobleme etc.; daher wurde der Verkehr aus ihnen verbannt. Inzwischen an den Individualverkehr gewöhnte Käufer und viele Geschäfte zogen gleich mit aus. Die erschwerte Erreichbarkeit der Wohnungen im Zentrum für den PKW trug dazu bei, dass auch Teile der Wohnbevölkerung folgten. Die Event-Unkultur mit ihrer unvorstellbaren Lärmbelastung für die Zentren soll diese wieder beleben, unterstützt in Wirklichkeit aber die Abwanderungstendenzen.
Es gibt daher viele leerstehende Geschäfte und Wohnungen in den Stadtkernen. Dennoch lieben die Stadtbewohner ihre historischen Zentren als ihre unverwechselbaren städtischen Identifikationszonen. Bei jedem historischen Gebäude, das in Frage gestellt wird, gehen die Althausschützer auf die Barrikaden – und das ist sicher gut so. Kulturerhaltung und Architekturrecycling sind gefragt.
Die Politik ist aufgerufen, Steuerungsmechanismen erarbeiten zu lassen, mit denen die unsinnige Entwicklung gestoppt werden kann. Spätestens dann, wenn der Ring, in dem sich die Neubauwelle von Wohnbauten und Superzentren heute vollzieht, die Grenzen der jeweiligen Stadt überschreitet, in Nachbargemeinden drängt, in die „Zwischenstädte“ abwandert, schrillen die Alarmglocken, denn dann gehen die Steuereinnahmen der Stadt verloren. Politiker und Stadtplaner müssen handeln. Aber wie?
Die Frage ist auch, wie sinnvoll es ist, einen europaweit auftretenden Trend aufhalten zu wollen, wenn bisher niemand ein wirklich geeignetes Mittel dagegen gefunden hat? Sollte man nicht eher den Trend sinnvoll mitformen und nach Alternativen für eine neue Nutzung der Zentren suchen? Liegt nicht im Abwandern der Geschäfte und im Sinken der Mietrenditen eine Chance für eine Rückkehr der Wohnbevölkerung bei entsprechenden Randbedingungen und Förderungen?

Ernst Hubeli S. 2
NEUES AUS DEN AGGLOMERATIONEN
Oder: die Zukunft der Stadt ist, dass sie überall ist.
Johann Peer S. 3
ZWISCHENSTADT RHEINTAL
Susanne Hauser S. 6
ZWISCHENSTADT ALS KULTURLANDSCHAFT?
Kai Vöckler S. 10
DIE HYBRIDLANDSCHAFT
Tamás Szalay S. 12
PÉCS: DIE GRENZENLOSE STADT
Dorothee Reimann S. 14
WHERE IS WALTHER?
Die Beschussanstalt in Zella-Mehlis
REVITALISIERUNG IN DER STEIERMARK S. 17
MOSAIK S. 19
Wiltraud Resch S. 21
CULTURAL HERITAGE COUNTS FOR EUROPE
Hasso Hohmann S. 24
WELTKULTURERBE IN BENARES. ISG UND TU GRAZ HELFEN.
Imke Keiser S. 25
SÄCHSICHER STAATSPREIS FÜR BAUKULTUR 2006
REZENSIONEN S. 26
