Über den Verein

Das Internationale Städteforum in Graz – ISG

Ein Netzwerk für Baukultur verbindet Vergangenheit und Zukunft

Beim Europäischen Denkmalschutz-Kongress in Amsterdam  im Oktober 1975 wurde die vom Ministerkomitee des Europarats angenommene Europäische Denkmalschutz Charta feierlich verkündet. Sie empfahl den Regierungen der Mitgliedsstaaten unter anderem die nötigen Maßnahmen auf den Gebieten Gesetzgebung, Verwaltung, Finanzierung und Erziehung zu ergreifen, um eine Politik der erhaltenden Erneuerung des architektonischen Erbes in die Tat umzusetzen und das öffentliche Interesse an einer solchen Politik zu wecken.

Der Anstoß zur Gründung einer entsprechend international tätigen Organisation  wurde in unmittelbarem Zusammenhang  mit dieser Europaratssitzung zum Finale des Europäischen Jahres des Denkmalschutzes 1975 gegeben. Das Bestreben, die  Geschäftsstelle eines solchen Vereines in Graz anzusiedeln, wurde positiv aufgenommen. Sie ist dem Erfolg einer lokalen Bürgerbewegung zum Schutz der historischen Altstadt von Graz geschuldet, die innerhalb von nur zwei Wochen die Hälfte der Stadtbevölkerung dazu bewegen konnte, gegen den Abbruch historisch wertvoller Altstadthäuser für eine innerstädtische Tiefgarage auf die Barrikaden zu steigen, aber auch gegen Straßenverbreiterungen und eine Stadtautobahn vor  dem Schloss Eggenberg, heute UNESCO Weltkulturerbe Kernzone, aufzutreten – und am Ende alles tatsächlich zu verhindern.

Vereinsgründung ohne parteipolitische Grenzen

Damit war der Ausgangspunkt für die Gründung des Vereines Internationales Städteforum in Graz – kurz: ISG – gesetzt. Die definierten Ziele des Vereines, der von allen politischen Parteien mitgetragen wird, sind Maßnahmen zur Altstadterhaltung, zur Erhaltung der Baukultur in Stadt- und Ortskernen und zum qualitätsvollen Bauen im historischen Kontext in den Fokus der Vereinsarbeit zu stellen, zu dokumentieren und zu publizieren. Seit das Historische Zentrum von Graz und Schloss Eggenberg UNESCO Weltkulturerbe sind, ist auch dieses Thema stark in den Fokus der ISG Arbeit gerückt, zumal die Proponenten, welche die wissenschaftlichen Vorarbeiten zu dieser Auszeichnung erarbeitet haben, im ISG engagiert sind.

Die Gründung des ISG aus der länderübergreifenden Ideedes Europarates und auf Basis einer Protestbewegung von Bürgern zeigte, dass im internationalen, vor allem deutschsprachigen Raum weitgehend idente Frage- und Problemstellungen diskutiert wurden. Mit der Vereinsstruktur sollten daher Mitgliedsstädte, Institutionen, aber auch interessierte Private eine Plattform finden, sich gegenseitig auszutauschen und Erfahrungen weiterzugeben. Ein wesentliches Medium waren und sind dafür die zweisprachig in Deutsch und Englisch erscheinenden ISG Magazine, zu deren Herausgabe sich das ISG in seinen Statuten – im Sinne der Dokumentation und Information über die internationale  Arbeit  – verpflichtet hat. Die ISG-Magazine, zuvor ISG Nachrichten, bieten seit der Gründung des Vereines Informationen zu jeweils ausgewählten Fachthemen, regen zu einem engagierten Meinungsaustausch an und stellen „Best-Practice“ Beispiele vor. Aktive Mitglieder des Vereines können und sollen auch selbst im ISG-Magazin publizieren.

Untrennbar verbunden mit dem ISG ist der Name von  Prof. Max Mayr, Journalist bei der größten Grazer und einer der größten österreichischen Tageszeitungen, der sein Netz von besten Kontakten in den Verein einbrachte und zahlreiche Städte zur Mitgliedschaft bewegen konnte. Ihm gelang es, gemeinsam mit weiteren ISG-Gründervätern aktuelle Fragestellungen zum Altstadtschutz bei Fachleuten in den Ämtern und zuständigen Politikern zu thematisieren, aber auch maßgebliches Lobbying zu etablieren, um die Idee des Altstadtschutzes voran zu bringen. Daraus konnte jenseits parteipolitischer Interessen ein Netzwerk geknüpft werden, auf das die Vereinsarbeit bis heute aufbaut. Zahlreiche ISG-Mitgliedschaften stammen noch aus dieser Zeit.

Altstadtschutz und zeitgenössische Architektur beflügeln Graz

Bezogen auf die lokale Situation in Graz konnte im Zusammenwirken mit dem Grazer Altstadterhaltungsgesetz (GAEG), das zwei Jahre vor Gründung des ISG und als Reaktion auf den schon erwähnten Bürgerprotest eingeführt wurde, Schritt für Schritt das öffentliche Interesse am Altstadtschutz gestärkt und gefestigt werden. Explizit fordert dieses Gesetz jedoch auch für geschützte Bereiche die Erhaltung der urbanen Funktionen. Mit seiner Arbeit konnte das ISG verdeutlichen, dass der materielle Schutz der Altstadt nur einen Teil der Aufgabe darstellt und die Erhaltung ihrer vielfältigen Funktionen ebenso wichtig ist, um sie als Lebens- und Arbeitsraum auf Dauer bewahren zu können.

Gerade in den letzten Jahren gewinnt dieser Aspekt für die inhaltliche Ausrichtung des ISG immer mehr an Bedeutung. Nach den Zerstörungen während der Phase des intensiven Wirtschaftswachstums des ausgehenden 20. Jahrhunderts wächst heute in vielen europäischen Städten der Druck auf wertvolle historisch gewachsene Stadtstrukturen und wertvolle Bausubstanz wieder enorm. Paradoxer Weise ist es gerade die inzwischen etablierte allgemeine Wertschätzung für noch gut erhaltene historische Innenstädte, die das Interesse von Investoren befeuert. Liegenschaften, die gegenüber dem Bestand vermeintlich intensivere oder höherwertige Nutzungen versprechen rücken überall in das unternehmerische Blickfeld und die stetig steigende Beliebtheit von Wohnen im Stadtzentrum  trägt das Ihrige dazu bei. Qualitätsvolle zeitgenössische Architektur spielt in dieser Hinsicht für Graz eine gewichtige Rolle und geht seit den 1980iger Jahren mit der historischen Altstadt eine Symbiose ein, die mittlerweile in vielen europäischen Städten Schule macht und Gegenstand universitärer Forschungsprojekte ist.[1]

Gleichzeitig mit dem steigenden Wachstumsdruck in den Städten entvölkern ländliche Bereiche und teils wertvolle gewachsene Ortskerne verlieren ihre Funktionen. Die Ähnlichkeit dieser Problematik in vielen europäischen Städten und Regionen regt zur übergreifenden Erörterung und zum Austausch von Erfahrungen an, denen sich das ISG in letzter Zeit schwerpunkthaft stellt.

 

 Jährliches Fachsymposium verbindet Theorie und Praxis

Im Fachsymposium, jeweils im Juni jeden Jahres gemeinsam mit der Stadt Graz veranstaltet, wird ein spezifisches Thema, das den zeitgemäßen Umgang mit historisch wertvoller Substanz betrifft, aus verschiedenen Aspekten  beleuchtet. Dabei wird versucht, mit der Auswahl der Fachreferentinnen und -referenten auch erwartungsgemäß konträre  Sichtweisen darzustellen. Die Anliegen der Denkmalerhaltung, der Stadtentwicklung im historischen Kontext und beispielhafte zeitgenössische Architekturprojekte zum Thema stehen dabei im Fokus des Diskurses. Themen waren bisher etwa der Umgang mit kommerzieller Werbung in historischen Städten, die Auswirkung von energetischer Ertüchtigung auf historische Bausubstanz und des vielfältigen Normenwesens auf historische Architektur in Konkurrenz mit dem Neubau, aber auch die Probleme städtischer Randzonen, das Wohnen im Zentrum, neues Bauen in der Altstadt oder der Aspekt des Schutzes für „Junge Denkmäler“.

Die Vorträge werden zum jeweils nachfolgenden Symposium publiziert. Dank der überaus großzügigen Bereitschaft der Vortragenden zur Mitwirkung kann dies mit einem relativ bescheidenen finanziellen Aufwand erfolgen, ganz im Sinne der Gemeinnützigkeit des Vereines ISG. Zu einem über die einzelnen Vorträge hinausreichenden Gedankenaustausch und zum besseren Kennenlernen bewähren sich die an das Symposium anschließenden Tagesexkursionen, die das jeweilige Fachthema vertiefen.

Um auch auf lokaler Ebene das ganze Jahr über aktiv und für die lokale Bevölkerung erreichbar zu sein, sind die „Spotlights“ ein sehr beliebtes Veranstaltungsformat, das auch in österreichweite Veranstaltungen wie den Tag des Denkmals, den Architektursommer  bzw. unterstützend in Lehrveranstaltungen der Architekturfakultät der TU-Graz einfließen. In unregelmäßigen Abständen, die sich aus den aktuellen Anlässen ergeben, finden Fachführungen zu beispielhaften Baustellen mit Bezug zum Bauen im historischen Kontext statt, aber auch zu baulichen Besonderheiten in der Altstadt, die normalerweise dem Besuch verwehrt sind.

 

Engagierte Vereinsmitglieder sind gefragt

Grundsätzlich ist für die Arbeit des Vereines die Aktivität der Vereinsmitglieder von entscheidender Bedeutung. Als aktive Mitglieder bringen sie Fachwissen, spezifische Themen und Kontakte ein und bilden neben der umfangreichen Fachbibliothek den Wissens- und Erfahrungspool des ISG. Von Beginn an waren Städte aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Slowenien und Kroatien – dem damaligen Jugoslawien – aus Frankreich und aus Ungarn im ISG vertreten. In den Teilnehmerlisten und der Zusammensetzung der Vortragenden des Symposiums spiegelt sich diese Internationalität bis heute wider.

Während Mitglieder je nach Individualmitglied, Firma, Institution, Gemeinde oder Stadt unterschiedlich hohe finanzielle, aber generell niedrige Beiträge leisten, arbeitet die Vereinsführung ehrenamtlich. Sie besteht derzeit aus dem Präsidenten, dem Bürgermeister der Stadt Graz, Mag. Siegfried Nagl, den drei Vizepräsidenten Arch. Mag. Thomas Kancler aus Slowenen, Arch. DI ETH Niklaus Ledergerber aus der Schweiz und dem geschäftsführenden Vizepräsidenten vor Ort – Arch. DI Hansjörg Luser – und Schriftführerin Mag. Margit Uray-Frick sowie den nach dem Vereinsgesetz vorgesehenen Vorstandsmitgliedern. Letztere vertreten auch als Fachvorstandsmitglieder die Ziviltechniker, die TU-Graz, den Städte- und Gemeindebund, sowie Stadt Graz und Land Steiermark im Verein ISG. Den operativen Kern bilden die beiden fachlich hochqualifizierten Damen des Sekretariats, Mag. Gertraud Strempfl-Ledl und Dr. Karin Enzinger, wobei Frau Strempfl-Ledl als Vorsitzende der Grazer Altstadt-Sachverständigenkommission als „Querverbinderin“ auch den Bezug zu den aktuell brennendsten Fragestellungen in das ISG einbringen kann.

Die interdisziplinäre Zusammensetzung der ISG-Mitarbeiter und Vorstandsmitglieder aus den Fachbereichen Architektur, Kunstgeschichte, Geschichte, Restaurierung, aber auch dem Finanzwesen und der Wirtschaft ist die Basis für einen sehr breiten Zugang zu den unterschiedlichen Problemstellungen des Altstadtschutzes und der Stadtentwicklung.

Vor allem die Technische Universität Graz ist immer wieder ein wertvoller Partner in der inhaltlichen Zusammenarbeit, aber auch als Mitveranstalter von Symposien. Auf der anderen Seite bringen Mitarbeiter des ISG regelmäßig ihre Expertise in unterschiedliche Gremien oder Veranstaltungen themenverwandter Institutionen ein. Unter der Mitarbeit des ISG wurden in Österreich Förderstrategien für Revitalisierungsprogramme entwickelt, die wissenschaftliche und publizistische Arbeit der Grazer und Österreichischen Weltkulturerbe-Organisationen unterstützt und auch an der wissenschaftlichen Vorarbeit für den Antrag der Stadt Graz mitgewirkt, um die Aufnahme der historischen Grazer Altstadt und von Schloss Eggenberg in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes zu erreichen.

Der von Mitgliedern eingehobene Mitgliedsbeitrag ist ein wichtiger Baustein der Finanzierung des Vereines. Da die ursprünglich institutionell vorgesehenen Beiträge des Landes Steiermark, aber auch die Fördermittel des Bundes kontinuierlich geringer und projektzentriert wurden, sicherten zuletzt nur der hohe Mitgliedsbeitrag und zusätzliche Förderungen der Stadt Graz eine ordentliche Gebarung. Dies beflügelte gerade zum 40-jährigen Bestehen des ISG verschiedene, kritische Überlegungen im Hinblick auf die weitere Zukunft des Vereines. Letztlich konnte durch die Zusicherung der Stadt Graz, ihr Engagement weiterhin aufrecht zu erhalten, eine dauerhafte Lösung gefunden werden.

 

Die Vereinsarbeit wächst mit der Stadt

Mit dem klaren Bekenntnis der Stadt Graz zum Weiterbestand der Vereines ISG freut sich das Internationale Städteforum in Graz auf eine spannende, immer den Puls der Zeit verspürende, dem sorgsamen Umgang mit historisch wertvoller Bau- und Stadtstruktur verpflichtete, wirkungsvolle  Zukunft. Unsere Aufgaben wachsen mit der Stadt, denn die Bedeutung der funktionierenden, lebenswerten historischen Stadt- und Ortskerne liegt darin, ein Identitätsfaktor für eine freie Gesellschaft zu sein, die im Zusammenleben das allgemeine Wohl vor das Einzelinteresse stellt. Der seit den späten 1960er Jahren zur Diskussion anregende Altstadtschutz zeigt heute, dass die historisch gewachsene Stadt in Ästhetik und Funktion auch ein Erfolgsmodell für die Zukunft ist. Dazu wollen wir weiterhin mit unserer Arbeit beitragen.

[1]Nadia Alaily-Mattar von der TU-München stellte das Forschungsprojekt, das fächerübergreifend von der TU-München, der Hafen-City Universität Hamburg und der TU-Berlin erarbeitet wird, beim Symposium 2016 in Graz vor. Untersucht wird darin die „Repositionierung von Städten durch Vorzeigearchitekturprojekte“. Die Stadt Graz nimmt darin eine zentrale Rolle ein. Vgl. die Publikation Transformation findet STADT, hrsg. vom Internationalen Städteforum in Graz, 2017.

Das Internationale Städteforum in Graz – ISG, gegründet durch eine Initiative des Europarates 1976 und in Graz angesiedelt, setzt sich für Baukulturerhaltung in Stadt und Land, für das UNESCO Weltkulturerbe, den Schutz von Stadt- und Ortszentren und für zeitgenössisches Bauen im historischen Kontext ein.

Foto Grazer Dom und Mausoleum Kaiser Ferdinands II.
2019 Cover Magazin 1

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