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Im Zentrum: Wohnen

Tagungsband 2015

Vorwort Arch. Dipl.-Ing. Hansjörg Luser, Geschäftsführender Vizepräsident des Internationalen Städteforums in Graz

Der Planer-Traum des urbanen Lebens
Zu den Auszeichnungen der historischen Grazer Altstadt zählt ihre Aufnahme in die Liste der UNESCO Welterbe-stätten, weshalb sie unter besonderem Schutz steht; aber zugleich stellt auch ihre vitale Zentrumsfunktion, in dem sich die wesentlichsten Institutitonen von Wirtschaft, Verwaltung und Kultur im historischen Altstadtbereich befinden, eine Besonderheit dar. Die Erdgeschoßzonen der Innenstadtlagen werden großteils von Geschäftsflächen eingenommen, der Be-darf an Flächen für Büros, Praxen und öffentliche Einrich-tungen ist im gesamten Altstadtbereich drückend und bildet eine starke Konkurrenz zur Wohnnutzung. Eine Bestimmung im Grazer Altstadterhaltungsgesetz, wo-nach in keinem Haus das Verhältnis von 50 % Wohnen unterschritten werden darf, wird nicht strikt exekutiert, die letzte diesbezügliche Bestandsaufnahme als Basis für eine wirksame Kontrolle liegt Jahrzehnte zurück. Un-geachtet dessen besteht im Bereich Wohnen ein starker Trend zurück in die Stadt, der auch die Grazer Altstadt betrifft – Wohnen im Herzen der Stadt mit Blick auf den Grazer Schloßberg gehört für viele wieder zu einer erstre-benswerten Lebensqualität.

Mangels verfügbarer Flächen konzentriert sich dabei die Schaffung von Wohnraum, der den Ansprüchen der Zeit gerecht wird, vor allem auf die zum Teil noch ungenutzten Dachböden. Dem verständlichen Wunsch nach Ausblick, Dachterrasse und Lift steht jedoch der kulturelle Wert der als Teil des Grazer Welterbes geschützten typischen Gra-zer Dachlandschaft – mit ihrer beinahe geschlossenen Decke aus roten Tonziegeln – entgegen. Die Möglichkeit, die wenigen noch vorhandenen Baulü-cken zu schließen, oder die zuvor meist handwerklich genutzten Innenhofverbauungen einer Wohnnutzung zuzuführen, bieten in der historischen Altstadt seltene Chancen, zeitgenössische Architektur im dichten Stadt-gefüge zu realisieren und leistbaren Wohnraum für brei-te Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Die Stadt als »Ort des Wohnens«, des »Zu Hause seins« soll eben das gan-ze Stadtgefüge – auch die historische Stadt – betreffen, nicht nur die »neuen Wachstumsgebiete«, die als Stadt-teilzentren ihre Identität erst finden müssen. Der Diversität der StadtbewohnerInnen, welche die urbane Identität charakterisiert, stehen beinahe ebenso viele fach-liche Zugänge der Autoren und Autorinnen gegenüber.

Die in der vorliegenden Publikation nachzulesenden Bei-träge tragen nicht den Wunsch nach einer »allgemeinen Verstädterung« in den Vordergrund – der Großteil der europäischen Bevölkerung lebt bereits in urbanisierten Zonen – sondern die Städte sollen auf Ihre Wohn- und Zentrumsfunktion hin untersucht werden. Wer wohnt dort, welche Bedingungen bieten sich für Menschen, die in Zentren wohnen – wollen oder müssen? Fordert das Leben im Zentrum eine spezifische Lebensart, einen speziellen Nutzerkreis, oder bieten vice versa historische und neue Zentren genügend Potenzial, um auf geänder-te Lebensweisen strukturell zu reagieren? Sind die tradi-tionellen Zentren überlastet, überfrachtet und daher als Wohnsitz zunehmend ungeeignet? Und gelingt es, neue Zentren so zu schaffen, dass sie an die Qualität von ge-wachsenen Strukturen heranreichen oder sogar zeitge-mäßer sind?

Vorwort Mag. Siegfried Nagl, Präsident des Internationalen Städteforums in GrazBürgermeister der Landeshauptstadt Graz

Im Zentrum WOHNEN, das Jahresthema der Vereinsarbeit des Internationalen Städteforums in Graz 2014, das mit dieser Publikation seinen Abschluss findet, zeigt einen Kernpunkt der zukünftigen Stadtentwicklung auf: Graz wächst und der Bedarf an qualitätsvollem und leistbarem Wohnraum innerhalb des bestehen-den Stadtgefüges stellt eine große Herausforderung dar. Diese Herausforderung teilt Graz mit vielen euro-päischen Städten, wie Darmstadt, Ingolstadt, Hamburg oder Wien, die oftmals mit unterschiedlichen Strategien vergleichbare Zielsetzungen verfolgen.Wohnen im Zentrum bedeutet dabei für Graz zweierlei: Vorhandener Wohnraum im historischen Zentrum wird verstärkt aktiviert und gleichzeitig entstehen mit dem Smart City Areal und dem neuen Stadtteil Graz-Reining-haus neue Stadtteilzentren, die das urbane Wohnen in den Vordergrund rücken. Die Urban Renaissance, das Wohnen in der dichten Stadt, ist nicht zuletzt deshalb wieder positiv besetzt, weil die Infrastruktur im ländlichen Raum zunehmend schwerer zu finanzieren ist und die Stadt der kurzen Wege für alle Generationen Vorteile bietet. Der Schlüssel für die Zu-friedenheit im urbanen Leben ist zweifellos die Qualität des Wohnraumes und die Attraktivität des Wohnumfel-des. Diese Standards werden insbesondere für die zu schaffenden Stadtteile neu definiert und die Verände-rungen werden das Grazer Stadtbild in den nächsten Jahren prägen.

Vorwort S.6
Hansjörg Luser
Siegfried Nagl
Bruno Maldoner

Die unbequeme Evolution S.12
Wojciech Czaja

Im Zentrum Wohnen: ALLEIN! Thesen zur Zukunft von Haus, Straße und Stadt S.18
Wolfgang Christ

Mit dem Genius Loci unter einem Dach S.28
Eduard Müller

Wohnen im Mittelpunkt – Wachstum der Großstädte zu Lasten der schrumpfenden Regionen S.34
Jens S. Dangschat

Ingolstadt – Weiterarbeiten am historischen Stadtkern S.40
Renate Preßlein-Lehle

Potential Dichte – Leben in gründerzeitlichen Stadtquartieren S.46
Verena Mörkl

Smart City: Auf kurzem Weg zur lebenswerten Stadt S.54
Bertram Werle

Urbane Wohnqualitäten neu entdecken: Identität, Atmosphäre, kurze Wege S.62
Andrea Krupski von Mansberg

Überlegungen zur Wohnsituation in Stadtzentren S.68
Tomaž Kancler

Schutz und Belebung für das Wohnen im Weltkulturerbe S.76
Daniela Freitag / Christian Probst

Über Nutzen und Nutzung – der gelebte Kontrast im Grazer Weltkulturerbe S.84
Alfons Schmidt

Städtische Identität losgelöst vom Kontext. Stillgelegte Baustellen in Ljubjana S.90
Domen Zupančič

Projektbeispiel

Wohnen in der Altstadt, wo sonst? Umfassende Sanierung Sporgasse 12 und 14 S.104
Christian Andexer

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