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Stadt weiterbauen: Zukunft Altstadt

Tagungsband 2016

Vorwort Arch. Dipl.-Ing. Hansjörg Luser Geschäftsführender Vizepräsident des Internationalen Städteforums in Graz

Stadt weiterbauen – Zukunft Altstadt In den wachsenden Stadtregionen Europas hat der Druck auf noch unbebaute Freiflächen zugenommen. Die Strategien zur Stadterweiterung setzen oftmals dort an, wo die Stadtplanung des späten 19. Jahrhunderts abrupt abgebrochen ist. Aber auch jene Zonen, die außerhalb der Gründerzeit-Stadt liegen und als »Zwischenstadt« einen bunten Flickenteppich in das Umland auslegen, bilden Versuchsareale für neue urbane Zentren. Es brennt die Frage, wo und wie die traditionelle europäische Stadt weitergebaut werden soll – auf den Dächern der Altstadt und der Gründerzeitbauten, den letzten grünen Freiflächen der Gründerzeitzonen oder im »sprawl« der Peripherie?
Mit den Auswirkungen des weltweiten Trends einer rapiden Urbanisierung, der im Zusammenwirken mit dem teilweise exponentiellen Ansteigen der Bevölkerungszahlen vor allem in der dritten Welt und in Schwellenländern Stadtgebilde von gigantischen Ausmaßen und kaum erfassbaren Organisationsformen hervorbringt, beschäftigen sich heute Scharen von Wissenschaftlern und Planern im Bestreben, ein Bild zukünftiger Stadtformen zu zeichnen. Das Deutsche Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung rief für 2015 das Thema Zukunftsstadt zum Wissenschaftsschwerpunkt des Jahres aus, das österreichische Bundesministerium für Bildung und Forschung startete zur gleichen Zeit das breit angelegte Forschungs- und Förderungsprogramm Stadt der Zukunft.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage, ob es sich bei dem traditionellen Modell der europäischen Stadt um ein nicht mehr zeitgemäßes Auslaufmodell handelt, nicht gänzlich abwegig. Werden unsere Städte globale Anforderungen wie CO2-neutrale Energie- und Ressourceneffizienz, die Integration der Erneuerbaren Energieversorgung, Klimaanpassung, die Einbeziehung der sozialen und kulturellen Aspekte der neuen Wanderungsbewegungen und vieles mehr physisch, ökonomisch und ideell verkraften können? Sind die über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen flexibel genug, um die in einer digitalisierten Informationsgesellschaft immer rascher ablaufenden Veränderungsprozesse aufzunehmen und sogar stabil genug, um sie zu überstehen? Und werden sie Zukunftsvisionen wie Mobilitätskonzepte ohne Lärm und Abgase, urbane Landwirtschaft auf Hausdächern, Gebäudekonzepte, die Energie gewinnen, statt sie zu verbrauchen, nicht im Wege stehen?
Vielleicht sind es aber gerade solche Szenarien, die dem Thema des Symposiums 2015 des Internationalen Städteforums in Graz »Stadt weiterbauen – Zukunft Altstadt« ein gewisses Gewicht verleihen. Die penible Auseinandersetzung mit der Entwicklungsgeschichte unserer Städte zeigt auf, welchen Turbulenzen diese gewachsen waren und welche Werte sie über den Lauf der Zeit hinweg zu bewahren und zu kumulieren in der Lage waren. Erst der Versuch, Gleichwertiges zu schaffen, offenbart die Unwiederbringlichkeit ihrer Eigenheit als Ausdruck des gemeinsamen gesellschaftlichen Wollens, Lebensraum zu gestalten. Dies betrifft nicht nur die Stadt im eigentlichen Sinn, sondern auch kleinere Siedlungskerne und den Umgang mit der Kulturlandschaft. Es sind aber vor allem die Altstädte, die auf engem Raum zeigen, wie man auf Forderungen nach Veränderung und Anpassung an jeweils zeitkonforme Lebensweisen reagiert hat, und die Zeugnis davon ablegen, dass Kontinuität und ständige Erneuerung keinen Widerspruch darstellen.
Wenn es um die Frage des Weiter-Bauens geht, bedeutet dies implizit die Auseinandersetzung mit vorhandenen Strukturen, das Einfügen in einen Kontext, die Umnutzung und Adaption von so nicht mehr Gebrauchtem im Gegensatz zum pionierhaften Aufbruch in das Neue, zum Ausweichen in die Peripherie, dem Verbrauch von unbebautem Freiland und zur möglichst weitgehende Verweigerung von Bindungen. Weiterbauen kann hingegen bedeuten, müde gewordene Stadt- und Siedlungsstrukturen wieder mit neuer Energie aufzuladen und abgebrochene gesellschaftliche Bindungen wieder neu zu fokussieren. Es stehen also nicht so sehr die Gebäude im Einzelnen im Vordergrund, sondern die Bezüge, die sie herstellen, und der Raum, den sie für die städtische Gemeinschaft erzeugen. Dennoch fällt der Architektur die Rolle des Proponenten auf der Bühne zu, der die dahinterstehenden gesellschaftlichen Strömungen weithinaus über jene Generation, die sie geschaffen haben, zum Ausdruck bringt. BauherrInnen und PlanerInnen,
aber auch Gestaltungsbeiräte, Schutzkommissionen und Denkmalschutz haben dabei nicht bloß eine für die Gegenwart bedeutsame Aufgabe, sondern auch die Verantwortung für die Zukunft.
Die Beiträge des Symposiums spannen sich als eigenständige theoretische Positionen und Erfahrungsberichte über das breite Feld der hier beschriebenen Aspekte und sind Katalysatoren für weiterführende Überlegungen. Die gezeigten Beispiele eindrucksvoller praktischer Arbeit bezeugen, dass kreative Interventionen wertvollem Bestand zu neuer Qualität verhelfen können. Allen Referentinnen und Referenten sei für die Bereitstellung ihres Wissens und ihrer Erfahrung, und vor allem auch für die Mühe der Aufbereitung zu schriftlichen Artikeln, herzlich gedankt. Dank gebührt auch allen Unterstützern der Veranstaltung und nicht zuletzt dem Bundeskanzleramt, das durch seine Unterstützung diese Publikation wieder ermöglichte. Möge sie mit Interesse gelesen und verbreitet werden!

Vorwort Mag. Siegfried Nagl Präsident des Internationalen Städteforums in Graz Bürgermeister der Landeshauptstadt Graz

Stadt weiterbauen… mit Qualität!

Städte stellen heute für den größeren Teil der Menschheit den attraktiveren und /oder chancenreicheren Lebensraum dar. Für Europa liegt dabei der Wert besonders in den historischen Altstädten begründet, die bis heute als Identifikationsbilder »Die Stadt« schlechthin darstellen und seit 50 Jahren auch als »Denkmal« lokal wie international – von Denkmalbehörde und UNESCO – geschützt werden. Das Jahresthema des Internationalen Städteforums Graz »Stadt weiterbauen: Zukunft Altstadt« postuliert, dass eine »Stadt als Denkmal« aber niemals in der Form eines Kunstwerkes unverändert bewahrt, ja konserviert werden kann. StadtplanerInnen, ArchitektInnen und DenkmalpflegerInnen sind sich darin einig, dass die Unterschiedlichkeit der Anforderungen – im Vergleich zwischen Kunstwerk und Stadtdenkmal – zu groß sind, denn letztere formulieren den Raum für den alltäglichen Lebensvollzug. Städte und Orte wurden daher nicht nur in der Vergangenheit, sondern werden auch in der Gegenwart weitergeformt. Nicht alles architektonisch Hinzugefügte stellt eine Bereicherung für ein Stadtdenkmal dar, aber letztendlich belegt die Art und Weise des Weiterbauens doch, wie groß die Wandlungsfähigkeit der historischen Stadt- und Ortszentren analog zur sich wandelnden Gesellschaft ist.
Das Hinzufügen, Verdichten, ja die Steigerung von Urbanität kommt aber nur dann als Qualitätssteigerung bei den BewohnerInnen an, wenn abseits der privaten Räume auch der öffentliche Raum an Aufenthaltsqualität gewinnt und neben alltäglichen Anforderungen vor allem auch die emotionalen Bedürfnisse der Menschen befriedigt. Wenn Städte heute unter den Schlagworten »Smart City oder nachhaltige Stadtteilentwicklung« Großprojekte vorbereiten, um der wachsenden Bevölkerung Wohn- und Arbeitsraum zur Verfügung zu stellen, so ist immer die Anbindung an den schon vorhandenen Stadtraum – in materieller aber auch kultureller Art – eine Schlüsselfrage. Nicht die Trabantenstadt der 1970er Jahre, sondern die multifunktionale Stadt der kurzen Wege ist wieder in den Fokus der Stadtentwicklung gerückt und knüpft damit direkt an die Wertigkeit der historischen Stadt- und Ortszentren und ihrer Gründungsgeschichten an.
Die Beispiele dieser Publikation – als Resümee der Jahresarbeit des ISG – dokumentieren die unterschiedlichen Ansprüche an Architektur und Raum und die differenzierten Zugänge der Fachrichtungen. Der Stadttheoretiker Vittorio Lampugnani zeichnet den Zugang zum historischen Zentrum als »Gebrauchsgegenstand«, während die Denkmalpflegerin Eva Hody doch das architektonische Kunstwerk im Blick hat. Beide kommen zu einem vergleichbaren Ergebnis: Qualität steht in der Architektur und im Stadtraum vor Quantität, dann ist weder das Stadtdenkmal, noch das architektonische Kunstwerk oder der Lebensraum Stadt in Frage gestellt. Die Qualität aber kann sehr unterschiedliche Formen annehmen, deren Bewährungsprobe im Alltag bestehen muss.
Als verantwortlicher Politiker für Stadtentwicklung ist mir die Diskussion der Disziplinen untereinander ein großes Anliegen, zu dem ich gerne beitrage!

Vorwort S.6
Hansjörg Luser
Siegfried Nagl

Altstadt als Modell für zukunftsträchtigen Lebensraum? S.10
Bruno Maldoner

Das historische Zentrum als Gebrauchsgegenstand, Kulturgut, Lehrstück S.16
Vittorio Magnago Lampugnani

Weiterbauen im Welterbe. Ein Bericht aus Salzburg S.22
Eva Hody

Angemessenheit als Mittel. Weiterbauen in den Grazer Altstadtschutzzonen S.32
Gertraud Strempfl-Ledl

Lebendige Baukultur: Graz wächst S.58
Bertram Werle / Wolfgang Maget

Ortskernerneuerung Fließ S.68
Daniela Kröss

Projektbeispiele

St. Nikolai im Sausal: Sozialräumliche Identität im neuen Ortskern S.80
Sigrid Verhovsek

Im Inneren der Stadt. Weiterbauen an Beispielen von Pentaplan Architekten S.90
Franziska Hederer

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