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Eine Haltung, kein Stil
Das architektonische Werk von Rolf Gutbrod
Vorwort von Georg Vrachliotis. Reihe Grundlagen.
Berlin: DOM publishers 2021
300 Seiten, 260 Abbildungen, Softcover
ISBN 978-3-86922-757-3 €28,80
Eine Haltung, kein Stil. Das architektonische Werk von Rolf Gutbrod
Joachim Kleinmanns
Die Furie des Verschwindens, die sich derzeit auf Bauten aus der Nachkriegsmoderne spezialisiert, hat wieder zugeschlagen: 2018/2019 wurde die ehemals „modernste deutsche Botschaft“ in Wien abgerissen, um einem Neubau von Schulz und Schulz Architekten (Leipzig) mit DÄRR Landschaftsarchitekten (Halle/Saale) Platz zu machen.
Das von Architekt Rolf Gutbrod geplante, 1965 fertiggestellte Gebäude gehörte zu jenen, das eine wenn auch aufwändige Sanierung gelohnt hätte: Aber wieder einmal musste die gestalterische Nachhaltigkeit der „wirtschaftlichen“ Notwendigkeit weichen – oder dem geringen ästhetischen Ansehen, das Bauten aus den 1960er und 70er Jahren anhaftet.
Umso relevanter ist die Aufgabe, diese Raumstrukturen zumindest dokumentarisch zu erhalten.
In „Eine Haltung, kein Stil“ beschäftigt sich Architektur- und Kunsthistoriker Joachim Kleinmanns eingehend mit dem architektonischen Gesamtwerk von Rolf Gutbrod.
Der 1910 geborene Stuttgarter Architekt, der in der anthroposophischen Tradition erzogen wurde, entschied sich „aus pragmatischen Gründen“ für ein Architekturstudium, das er 1935 abschließt. Im Krieg vorwiegend mit dem Bau technischer Anlagen für die Luftwaffe beschäftigt, betätigt er sich ab Anfang 1946 als freier Architekt in Stuttgart und gründet in Folge zwei Büros in Stuttgart und Berlin.
Gutbrod arbeitet ab 1947 auch als Lehrbeauftragter an der Technischen Hochschule, wo er 1961 zum ordentlichen Professor ernannt wird. 1967 entwirft er gemeinsam mit Frei Otto sein wohl berühmtestes Gebäude, den Deutschen Pavillon für die Weltausstellung Expo 67 in Montreal.
Das vorliegende Buch ist die erste vollständige Werkmonografie über Gutbrods Schaffen, das auf jenem Werkarchiv beruht, das Gutbrod noch selbst als Vorlass an das saai (Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie) übergeben hatte.
Die vorangestellte, sehr knappe „Biografie“ bietet kaum Anknüpfungspunkte an die Person Gutbrod, hier wird deutlich, nicht der Mensch, das Werk steht im Vordergrund.
Im zweiten Teil folgen 26 Baugruppen und Bauten aus allen Schaffensphasen von Rolf Gutbrod, und in diesen aus über 250 Projekten sorgsam ausgewählten Beispielen wird nicht nur seine Architektur beschrieben, sondern auch die jeweiligen Zeitumstände, Bauweisen, Planungsmethoden und – gedanken: Vom LOBA-Haus über die Milchbar am Flamingosee, die Stuttgarter Liederhalle, die Porsche-Fabrikhallen, über Wohnhochhäuser bis hin zum eigenen Wohnhaus zieht sich eine spannende Geschichte, die zeigt, wie vielfältig und anregend das Abenteuer des deutschen Nachkriegsbauwesens war.
Das Kapitel „Entwicklungen“ gibt Einblick in die vielseitigen Bauaufgaben Gutbrods, anschließend wird in den „Merkmalen“ noch versucht, die Charakteristika der zunächst heterogen anmutenden Gebäude herauszuarbeiten: Raumbildungen, die „nicht um ihrer selbst willen und auch nicht ausschließlich aus der Funktion, sondern als Ausdruck und Korrelat einer inneren menschlichen Haltung“ entstanden sind. (S. 169)
Leider kommt Rolf Gutbrod selten „selbst“ zu Wort – aus seiner Zeit als Professor müssten zumindest einige Vorlesungen und Schriften erhalten sein, mit denen man individuellen gedanklichen Hintergründen nachspüren hätte können?
Ein Fotoessay von Christoph Engel und Bernd Seeland zeigt in 30 großformatigen Farbfotos zwölf der Bauten in ihrem Jetzt-Zustand, oder – im Fall der Deutschen Botschaft – zumindest ihre Zeitlosigkeit in einem aktuellen Bezug und Umfeld. Leider bliebt gerade die Entwicklung der Häuser, ihr „Jetzt“ – Zustand im ganzen Buch völlig unkommentiert, so als ob sie keinen Bezug zur Gegenwart hätten. Gerade heute, in der viele Bauten der Nachkriegsmoderne bedroht sind, lässt diese Vorgangsweise einige Fragen offen.
Im „Anhang“ findet sich schließlich noch der vollständige Werkkatalog mit kurzen Projekttexten und zahlreichen Abbildungen, der bei Gutbrods Studienarbeiten beginnt und neben berühmten Bauten auch kleinere Arbeiten wie den Entwurf einer Haustür zeigt. Dieser Überblick macht nochmals deutlich, wie dezent Gutbrod die deutsche Architektur des 20. Jh. geprägt hat: „Einem Stil kann man folgen oder ihn imitieren, eine Haltung kann man nur annehmen, aber nicht nachahmen.“ (S. 8)
Dr. Sigrid Verhovsek
