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Mein Salzburg. Die verkaufte Schönheit

Broschur, 176 Seiten, Verlag Müry Salzmann, Salzburg-Wien 2020.

ISBN 978-3-99014-203-5

€ 25,00

Mein Salzburg. Die verkaufte Schönheit

Johannes Neuhardt

Die aus lebenslang erworbenem Wissen gespeiste Streitschrift gegen den Qualitätsverlust in der Stadt Salzburg spannt einen großen zeitlichen Bogen von der Spätantike bis in die Gegenwart. Auf den letzten Buchseiten erinnert sich der geborene Salzburger Johannes Neuhardt an einige Stationen seines Lebens.

In jüngerer Vergangenheit haben kenntnisreiche Kunsthistoriker wiederholt ihr Wissen um die großen historischen und künstlerischen Schätze der Stadt Salzburg, wie auch deren malerische Einbettung in die bewegte Topographie der Voralpenlandschaft einem breiten Publikum nahe gebracht. Dadurch gelang es wiederholt, Salzburger Bürger und Verantwortliche auf problematische Planungen und Vorhaben hinzuweisen und so manchen Frevel an der kulturellen Substanz abzumildern oder gar zu verhindern. Das von Johannes Neuhardt vorgelegte Buch „Mein Salzburg-Die verkaufte Schönheit“ schließt würdig an diesen Publikationstypus an.

Keine Erzählung über Salzburg kann an der kulturprägenden Kraft des Christentums seit der Spätantike vorbei gehen, vielmehr muss sie den seit mindestens eineinhalb Jahrtausenden bestehenden Einfluss von geistlichen Gemeinschaften beachten. Eigenarten und Vorlieben, Stärken und Schwächen jener Persönlichkeiten, die als Bischöfe, Äbte oder Gelehrte hier gewirkt haben, hinterließen Spuren in der Stadt Salzburg, und diese wollen gelesen werden. Das Vorgehen von Johannes Neuhardt erinnert an Italo Calvinos Erklärungen in „Die unsichtbaren Städte“: „Aber die Stadt erzählt ihre Vergangenheit nicht, sie enthält sie wie die Linien einer Hand, eingeschrieben in die Ränder der Straßen, die Gitter der Fenster, die Handläufe der Treppengeländer, die Antennen der Blitzableiter, die Masten der Fahnen, jedes Segment seinerseits schraffiert von Kratzern, Sägespuren, Kerben und Schlägen.“

Neuhardt gelingt es, viele weithin nur durch ihre Namen bekannte Würdenträger dem Leser plastisch vor Augen zu führen. Die kirchen-, macht- und kulturpolitische Rolle, welche die christliche Kirche seit Jahrhunderten spielt, wird anhand von Bauten, Straßen und Plätzen – manches Mal durchaus kritisch – zur Anschauung gebracht. Allerdings sollte man sich nicht von den vielen Geburts-, Weihe-, Regierungs- und Sterbedaten abschrecken lassen, was nicht schwer fällt, da diese in den flüssig verfassten Text eingebaut sind. Den Leser mag die ausführlich beschriebene Bedeutung Salzburgs als auf ganz Europa ausstrahlendes wissenschaftliches Zentrum im Mittelalter überraschen. Das Bild des vom Barock geprägten „Rom nördlich der Alpen“ ist derart stark, dass die frühere Bedeutung Salzburgs leicht übersehen wird.

Mit dem Ende des reichsunmittelbaren geistlichen Fürstentums und der Degradierung zu einer Provinzstadt in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurden viele Kulturschätze aus Salzburg weggebracht. Dennoch, die Erzabtei St. Peter, die das älteste durchgehend bestehende Kloster im deutschen Sprachraum ist, besteht seit dem späten 7. Jahrhundert, wobei jüngst aufgefundene archäologische Reste beweisen, dass bereits vor der 696 erfolgten Gründung des Klosters  durch den Heiligen Rupert eine geistliche Gemeinschaft bestanden hat. Die 987 erfolgte Trennung der Ämter von Bischof und Abt wirkte sich fruchtbar auf die weitere Entwicklung aus.

Der Autor Johannes Neuhardt war viele Jahre Mitglied des Domkapitels und wirkte auch als Diözesankonservator. Er verfügt über profundes Wissen um Kunst und Kultur. Daraus resultiert wohl die im Buchtitel ausgedrückte Sorge (und hier ist er nicht allein), dass der seit wenigen Jahrzehnten – wohl nicht zuletzt wegen der 1996 erfolgten Eintragung in die UNESCO-Welterbeliste – stetig anwachsende Tourismus die urbane Gemeinschaft zerstört. „Es ist zunächst die zunehmende Entvölkerung der Altstadt, welche in fester Hand der vielen Gäste und Investoren ist. Bis auf ein paar Studenten wohnen kaum junge Menschen oder Familien mit Kindern in ihr. Global agierende Unternehmen halten sich in der schönen Stadt Salzburg ‚Schaufenster-Shops’ “ (Seite 5). Er weiß um die Realität der Gier nach dem Mammon, wenn er formuliert: „Für manche ist dieser Zustand freilich zur sprudelnden Geldquelle geworden, zum nicht versiegenden Nutzen“ (Seite 6). Damit Salzburg dennoch in Zukunft bestehen kann, meint Neuhardt, dass die Tourismusindustrie zugunsten eines an Qualität sich orientierenden Besucherbetriebes sich ändern müsste.

Die Lektüre des aus kurzen Kapiteln (vielleicht müsste man besser sagen „Episoden“) aufgebauten und mit wenigen Illustrationen versehenen Buches regt interessierte Leser zum Beobachten und Reflektieren an. Diese Lektüre ist allen Salzburgern in Stadt und Land nahezulegen. Darüber hinaus bereichert sie alle geschichts- und kulturinteressierten Zeitgenossen.

Dr. Bruno Maldoner

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