© Clio 2020

Demokratie und Frieden auf der Straße
Comrade Conrade

Gebunden: 256 Seiten
Clio Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit 2019

ISBN 978-3-902542-79-3
€ 21.-

Demokratie und Frieden auf der Strasse

Nicole Pruckermayr

Die Grazer Conrad-von-Hötzendorf-Straße endet seit 2015 im Süden am Bertha-von-Suttner-Platz. Kontroverser könnten sich historische Personen repräsentativ im Stadtraum wohl kaum gegenüberstehen. Der Feldmarschall und Kriegstreiber der Monarchie vis-a-vis der ersten Friedensnobelpreisträgerin von 1905. 83 belastete Straßenbenennungen im Grazer Stadtraum zählte das Ludwig-Boltzmann-Institut, die öffentliche Diskussion darüber währt seit Jahren und soll in Kürze in die Montage von Zusatztafeln für alle personenbezogenen Straßennamen münden.

Der Umgang mit Geschichte, mit Geschlechterverhältnissen und ihrer Repräsentation im öffentlichen Raum war initialer Funke für das von der Künstlerin Nicole Pruckermayr mehrjährig angelegte Projekt Comrade Conrade, das im Kontext des multiplen Gedenkjahres 2018 Demokratie und Frieden auf der Straße in den Fokus nahm.

Pruckermayr wählte die Conrad-von-Hötzendorf-Straße als beispielhaften Straßenzug, einen gründerzeitlichen Prachtboulevards mit öffentlichen Repräsentationsbauten, dessen städtebauliche Ordnung und Architektur sich gerade tiefgreifend wandelt. Ihr Ansatz, KünstlerInnen, ForscherInnen, VertreterInnen von Vereinen und lokalen Initiativen miteinander arbeiten zu lassen – und über Jahre eine Vertiefung anzustreben, die dem Schnelllebigkeits- und Konkurrenzdenken Interdisziplinarität und Lernfähigkeit entgegensetzt – war sehr erfolgreich und ist gerade ob der Kurzfristigkeit von Förderzeiträumen bewundernswert und mutig. Pruckermayrs Ansatz stellt den „…Versuch dar, der Komplexität der Welt – in diesem Fall der Stadt Graz – eine adäquate Analyse und Handlung zu bieten“, so die Künstlerin in ihrem Vorwort. 30 AutorInnen führen die LeserInnen die breite Ausfallstraße entlang: Sie halten für anthropologische Betrachtungen, zur Erkundung jüdischer Spuren und zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Keller des Hauses Nr. 43 inne, geben Anlass zur Reflexion über Straßenbenennungen und ihre Geschlechterverhältnisse. Auf ihrem Weg thematisieren sie Kunstprojekte im öffentlichen Raum der Straße, einer der Kerngedanken des Projektes Comrade Conrade. An den Haltestellen – markiert durch die einzelnen Beiträge – finden wir das „Restgrün“ eines versiegelten Raumes, der einst eine prachtvolle Allee war, die dem Verkehr geopfert wurde. Am nächsten Haltepunkt trifft man auf mobile Skulpturen, die als Stellvertreter repräsentativer Architektur ihre Standorte wechseln und damit den Umgang und die Verfügungsgewalt mit und über öffentlichen Raum hinterfragen.
Den Straßenzug begehen, weiterdenken und imaginieren, dazu lädt der dritte Abschnitt der Publikation ein, der schließlich zum Endpunkt und Ausblick führt, wie wir zukünftig in dieser Stadt leben wollen, wie Demokratie und Frieden im öffentlichen Stadtraum – als Ort der politischen Teilhabe – repräsentiert werden.

Die grafische Gestaltung der Publikation von Alexandra Möllner, die vielfache Brüche und Varianten zu einem wunderbaren Ganzen formt, geht mit der Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen konform. Und gemeinsam mit den Fotos von Nikos Zachariadis findet sich darin wohl auch die Auszeichnung, eines der schönsten Bücher Österreichs 2019 zu sein, begründet!

GSL

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