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Das unvollständige Haus: Mies van der Rohe und die Landschaft

Albert Kirchengast

Gebunden: 408 Seiten
Birkhäuser Verlag GmbH, Basel

ISBN 978-3-0356-1559-3
€ 49,95.-

Das unvollständige Haus

Albert Kirchengast

Im Wahnsinn durch die Landschaft

Albert Kirchengast hat das architektonische Erbe Ludwig Mies van der Rohes umfassend neu beleuchtet. Erstmals der Vollständigkeit halber samt Naturkontext rundherum: „Das unvollständige Haus. Mies van der Rohe und die Landschaft“, erschienen bei Birkhäuser.

Lange Zeit, schreibt Albert Kirchengast sinngemäß, habe man Ludwig Mies van der Rohes Häuser vor allem als singuläre Objekte außerhalb ihres örtlichen Kontextes betrachtet. Selbst die Historiografen, Expertinnen und Experten ihres Zeichens, hätten van der Rohes architektonisches Erbe trotz „Fließen des Raums“ und trotz „offener Grundrisse“ häufig ohne ihre naturnahen Außenräume analysiert – ob das nun Frühwerke wie die Häuser Riehl (1907), Werner (1913) oder Urbig (1917) sind oder seine späteren Ikonen wie etwa das Haus Tugendhat in Brünn (1930) oder das mit seinem Rundherum geradezu verschmelzende Farnsworth House in Illinois (1951). Kirchengast: „Aber kann man ein Landhaus überhaupt von seiner Landschaft trennen?“

In seinem Buch Das unvollständige Haus. Mies van der Rohe und die Landschaft, das der ausgebildete Architekt und nunmehrige Assistent am Kunsthistorischen Institut in Florenz letztes Jahr im Birkhäuser Verlag veröffentlichte, findet man viele, viele Antworten auf die im Vorwort gestellte Frage. Vorausgesetzt, man bringt genug Geduld und Wahnsinn mit, um sich durch seine an der ETH Zürich verfasste und für den Buchmarkt überarbeitete Promotionsarbeit durchzubeißen. Die Analysen und geschichtlichen Ausschweifungen und Assoziationen sind mancherorts so mühsam, wie eine Forschungsarbeit überhaupt sein kann, andernorts wiederum so klar und scharfsinnig, dass so manche Textstelle die getätigte Buchstabenschwerstarbeit mehr als dutzendfach kompensiert.

Seite 286, klar auf den Punkt gebracht: „Wo möglich, wird Mies diesen Schein der Natur durch die Natur selbst ersetzen“, so Kirchengast. „Die großen Glastafeln, die bei seinen amerikanischen Wohnhäusern gemauerte Wände ersetzen, stehen dennoch zu solch ideellen Blick-Öffnungen in direkter Beziehung. Man muss die Außenräume um Mies‘ Häuser und Hochhäuser eben auch als imaginäre Räume deuten: Illusion und Wirklichkeit umgreifend.“

Edith Farnsworth, die aufgrund der schwierigen beruflichen Beziehung zu ihrem Architekten zur wahrscheinlich berühmtesten Auftraggeberin Ludwig Mies van der Rohes avancierte, klagte stets über das ihr hingestellte Glashaus. Die Unzufriedenheit ist schriftlich überliefert: „Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild. Ich wollte etwas Bedeutungsvolles haben, und alles, was ich bekam, war diese aalglatte Spitzfindigkeit. Wir wissen, dass weniger nicht mehr ist. Es ist einfach weniger.“ Der Architekt selbst zeigte sich, auch nach jahrelangen Debatten und Streitereien, unverdrossen unverstanden: „Das Farnsworth House ist, glaube ich, niemals wirklich verstanden worden“, wird Ludwig Mies van der Rohe in Fußnote 900 (!) zitiert. „Ich selbst war in diesem Haus vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte bis dahin nicht gewusst, wie farbenprächtig die Natur sein kann.“

Das unvollständige Haus ist ein wortgewaltiges Kompendium mit 55 Seiten Fußnoten-Anhang und einer wissenschaftlichen und literarischen Recherchetiefe, die Albert Kirchengasts Hirnwindungen wahrscheinlich fast zum Platzen brachte. Eine Lektüre für Freaks und Nerds.

Wojciech Czaja

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