© 2020 Park Books

Ferdinand Schuster (1920-1972)
Das architektonische Werk

Daniel Gethmann (Hg.)

420 Seiten, 332 farbige und 154 sw Fotografien, Zeichnungen und Planabbildungen
Park Books 2020

ISBN 978-3-03860-183-8
€ 58.-

Ferdinand Schuster

Bauten, Schriften, Analysen

Zu viele Architekturbücher erinnern an Bilderbucher, die man, einmal durchgeblättert, durchaus beruhigt und um keine Erkenntnis reicher, am coffeetable ablegt. Nicht so dieses! Die dem Architekten und Hochschullehrer Ferdinand Schuster gewidmete Monografie, die soeben bei ParkBooks erschienen ist, beruht auf einer jahrelangen intensiven Forschungsarbeit an der TU Graz unter der Leitung von Daniel Gethmann. Das über 400 Seiten starke – oder in diesem Fall eher dichte – Buch bezeugt die akribische Arbeit, die am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften bei der Forschung zu diesem außergewöhnlichen Architekten geleistet wurde.

Ferdinand Schuster wurde 1920 in Luby (heute Tschechien) geboren, seine Familie übersiedelt 1929 nach Graz. Kriegsbedingt konnte er seine Architekturausbildung erst 1949 abschließen; tatsächlich war er auch ausgebildeter Geigenbauer und versierter Musiker, was seine Einstellung zu Harmonie und Proportionen wesentlich geprägt hat. 1953 eröffnet er sein eigenes Büro in Kapfenberg, und wird in den Folgejahren nicht nur in dieser Stadt sehr klare, eigenwillige städtebauliche und architektonische Zeichen setzen. 1964 wird er als Nachfolger von Friedrich Zotter auf den Lehrstuhl für Baukunst und Entwerfen an der TU Graz berufen, und der Titel seiner Antrittsvorlesung „Architektur und Politik“ unterstreicht seine Überzeugung, dass Architektur nicht in reiner Selbstbezüglichkeit gefangen bleiben darf, sondern immer im Kontext mit den NutzerInnen und damit mit den gesamtgesellschaftlichen Ereignissen gesehen (und geplant) werden muss.

Um Schusters Lebenswerk zu erfassen, besteht die vorliegende Monografie aus drei Teilabschnitten: Am Anfang stehen Analysen, die aus verschiedenen Blickwinkeln Werdegang, Motivation und Werk beleuchten. Jörg Uitz spricht zum Beispiel über die Bezüge zur Musik und zum Instrumentenbau (wunderbar bebildert mit Skizzen aus dem Werkstattbuch Schusters), Antje Senarclens de Grancy über die Bedingungen des Studiums an der Grazer Technischen Hochschule in der Nachkriegszeit, eine nicht nur aufgrund der mangelhaften Datenlage schwierige Thematik. Die Untersuchung von Schusters Dissertation über „Die Arbeiterstadt“ (Gethmann/De Grancy) und die konkrete Utopie der Stadtplanung von Kapfenberg (S. Christian) fließen ineinander, und in weiterer Folge werden Schusters Planungsaspekte in Sakral- Bildungs- und Schulbauten erörtert. Den Abschluss dieser Analysen bilden eine Betrachtung von Schusters Wirken in der Lehre an der TU sowie der Aufsatz von Eugen Gross: „Architektur als Medium. Anmerkungen zu Ferdinand Schusters Sondervorlesungen zur Semiotik“, wobei Gross in Schusters Architektursprache drei wichtige Komponenten ausmacht: die Lesbarkeit bezogen auf konkrete Bauaufgabe und Ort, die soziale Relevanz und Verantwortung, sowie die Aufforderung zur Entwicklung von Utopien – nicht nur als „Freiheitsspielraum für Studierende an der Universität“, sondern als Beitrag eines Architekten/einer Architektin zur Erneuerung unserer Gesellschaft.

An diese Analyse(n) schließt ein Werkverzeichnis mit genau recherchierten 28 Bauwerken an, die die Vielfalt des Architekten Ferdinand Schuster zeigen und zudem auch Lust machen, diese Bauten zu erforschen. Plane sowie Fotos aus der Entstehungs- und der Jetztzeit zeigen, wie zeitlos Schusters Arbeit ist.

Im dritten Teil des Buches kommt schließlich Schuster indirekt selbst zu Wort: Manuskripte und Typoskripte aus seinem Nachlass wurden gesichtet, ausgewertet und sorgsam editiert. „Architektur und Politik“, die 1965 gehaltene Antrittsvorlesung Schusters an der TU Graz, ist ein Schriftstuck, das jeder Architekt/jede Architektin gelesen haben sollte. Seine Schriften sind berührend, zeigen die große Bandbreite an Bildung und Wissen, über die Schuster verfugt haben muss – und auch sie sind zwar zeiteingebunden, Zeitzeugen, aber seltsam alterslos in ihrer Gültigkeit.

Am Ende des Buches stehen – für schnelle Information – noch Biografie, Werkverzeichnis und Personenverzeichnis. Das Buch selbst ist sehr sorgfältig und ästhetisch überaus ansprechend gefertigt, aufgrund der Dichte und Fülle entspricht es eher einem Atlas, fällt aber ohnehin nicht in die Kategorie leichte Einschlaflektüre. Einziger Kritikpunkt ist der seltsame Drucksatz, der am Beginn jedes Absatzes zweizeilig einspringt, was den Lesefluss stört und ständig an einen Fehler der Druckerei denken lässt. Aber das ist tatsachlich „Jammern auf höchstem Niveau“!

Das Lob, das man aussprechen sollte und muss, ist ein hohes: Die Monografie wird dem architektonischen Werk von Ferdinand Schuster gerecht.

Sigrid Verhovsek

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