© 2019 Verlag Klaus Wagenbach

Bedeutsame Belanglosigkeiten

Vittorio Magnago Lampugnani

 

Klappbroschur: 192 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019

ISBN 978-3-8031-3687-9
€ 30,90.-

Bedeutsame Belanglosigkeiten

Vittorio Magnago Lampugnani

Lampugnanis Buch beschäftigt sich mit Detailfragen des individuellen Erscheinungsbildes der Städte, die im ökonomisch getriebenen Stadtplanungsdiskurs der Gegenwart weitgehend in den Hintergrund getreten sind und doch unglaublich zur Individualität unserer Städte beitragen; es handelt sich eben um bedeutsame Belanglosigkeiten, kleine Dinge im Stadtraum.

Bereits die Widersprüche im Buchtitel verweisen auf Lampugnanis Gesamtblick: Das Zusammenwirken kleinteiliger, funktional in der Historie nicht selten lebenswichtiger und heute oft übersehener Gestaltungselemente, macht unsere Städte einzigartig, erhöht ihren Wiedererkennungswert und schafft letztlich Identität. Eines der eindeutigsten Beispiele dieser kleinen, identitätsstiftenden Dinge, die wir sofort geografisch verorten können, ist wohl die rote Telefonzelle K2 von Giles Gilbert Scott, die wir mit London assoziieren.

Der Autor beleuchtet aber nicht nur die historische Entwicklung funktionaler Elemente wie Brunnen, Kanaldeckel, Laternen, Urinale, Uhren, Kioske, Haltestellen, U-Bahn-Abgänge etc.  – also der Stadtmöblierung – als stadtgestaltende Elemente. Sein forschender Blick vergleicht Entwicklungen in den europäischen Großstädten, zeichnet die Geschichte einzelner Elemente und deren manchmal rasches Verschwinden nach; er führt aber auch ihre oftmals wichtige soziale und hygienische Funktion für die Stadt vor Augen.

Der Zugang zu sauberem Trinkwasser über öffentliche Brunnen verbesserte beispielsweise das städtische Leben deutlich und bildete zudem ein repräsentatives, mit viel Symbolik aufgeladenes Gestaltungselement. Regional geprägte und über eine bestimmte Zeitspanne standardisierte Brunnenmodelle belegen weiterhin deren wichtige Funktion im Stadtraum, wenngleich sie nicht mehr individuell an den jeweiligen Standort angepasst werden. Der Autor meint, dass… „Dadurch, dass sie innerhalb der Stadt überall gleich, aber in jeder Stadt anders sind, tragen sie zu deren Identität bei.“ Der Kritik des Autors gerade hinsichtlich der „Krise der Stadtbrunnen“ folgend, – er bemängelt den oftmals sorglosen Umgang und die fehlende Instandhaltung bestehender Brunnen sowie den geringen gestalterischen Anspruch bei neuen Modellen – könnte sich in Zeiten des Klimawandels ein geforderter Gestaltungsanspruch rasch etablieren!

Auch die zunehmende Beleuchtung des öffentlichen Raumes, zuerst ein Privileg der Zentren, veränderte die Städte deutlich, vermittelte ein Gefühl von zunehmender Sicherheit im Stadtraum und veränderte dadurch die Lebensweise der Menschen. Durch immer bessere und hellere Beleuchtungsmöglichkeiten, die zudem durch die beleuchtete Werbung im öffentlichen Raum noch vervielfältigt wurden, war in den letzten Jahren vermehrt Kritik an der „Lichtverschmutzung“ zu lesen und waren daher die Anforderungen an eine Lichtreduktion deutlicher formuliert als an die Gestaltung der Beleuchtungskörper. Das ist insofern bedauerlich, als die einfacheren technischen Möglichkeiten zu keinem Gestaltungsimpetus geführt haben, und der Autor daher feststellt: „Die Entscheidung für einen Typus zu Lasten eines anderen ist von großer städtebaulicher Tragweite. Trifft man sie mit der gebotenen Sorgfalt, werden die Leuchten nicht nur die Straßen und Plätze unserer Städte in der Nacht angenehm erhellen, sondern sie auch tagsüber zieren und bereichern.“

Dieser Gestaltungsanspruch lässt sich als Credo des Buches formulieren und verweist auf die Verantwortung der Stadtplanung, die vielen „Kleinen Dinge“ im Stadtraum anspruchsvoll zu gestalten, ausgewählt zu positionieren und individuelle Lösungen für die Städte zu forcieren, um den „Kulturraum Stadt“ mit höchsten Ansprüchen weiterzuentwickeln.

GSL

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