Mitten am Rand

20. - 22. Juni 2013 in Graz

Gregor Spörk ist Maler. Als seine Frau die Scheidung will, verliert er sein Haus und begibt sich in einem Campingbus auf die Suche nach einer Bleibe. Seinen Bekannten in der Stadt geht es hinter den scheinbar intakten Fassaden aber um nichts besser. Als Avantgardist des Mangels lernt er mit Unsicherheit zu leben und seine prekäre Situation als Herausforderung zu begreifen.

So klingt die Kürzestfassung des Romans von Friedrich Hahn, einem niederösterreichischen Schriftsteller, dem der Titel des diesjährigen ISG-Symposiums entlehnt ist. Es geht um das Leben außerhalb festgelegter Kanons, um Vor- und Nachteile von Mobilität, um neue Freiheit außerhalb des fest gefügten Rahmens und um die Gestaltung des persönlichen Umfeldes, über die eigenen Besitzgrenzen hinaus. In seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit klingen in dem Buchtitel im übertragenen Sinne einige Aspekte an, die im diesjährigen internationalen Symposium des ISG
angesprochen werden sollen: Wie sieht es aus in jenen Teilen unserer Städte, die nicht unter dem wachsamen Augenmerk von Altstadt- und Ortsbild-Kommissionen oder Gestaltungsbeiräten stehen? Wie sehen die Weichbilder von diversen Provinzzentren mit ihren Ansammlungen von Einkaufsmärkten und Fachmärkten aus, die vor allem auf das Auto zugeschnitten sind? Kümmert sich jemand um die an den Rändern unserer Siedlungsbereiche ausufernden Einfamilienhaus-Orgien? Gibt es auch noch eine schützenswerte Landschaft dazwischen? Immerhin hat ein guter Anteil der Bevölkerung gerade hier seinen Lebensmittelpunkt gewählt, wohnt oder arbeitet hier, fährt einkaufen oder geht einer sonstigen Beschäftigung nach. Auch Gregor Spörk wird in seinem Campingbus überwiegend in solcher Gegend unterwegs sein und sich als visuell sensibilisierter Mensch vielleicht wie Tarek Leitner in seinem Buch „Mut zur Schönheit“ entrüstet fragen, warum gerade hier alles so verschandelt wird. Was tut er dagegen?

Rasch stellen sich Fragen wie: Wer ist verantwortlich, wer kann/soll/muss was dagegen unternehmen. Aber auch: bedarf es ähnlicher Schutzinstrumente wie sie in den für historisch wertvoll erachteten Bereichen zur Anwendung kommen oder ist der Zustand am Rande und außerhalb dieser Bereiche notwendiger und unmittelbarer Ausdruck unserer Gesellschaft?

Das Internationale Städteforum in Graz, dessen thematischer Schwerpunkt dem schützenden Umgang mit historisch wertvoller Stadt-, Orts- und Baustruktur ist, aber auch deren Bezug zu Tendenzen der Jetztzeit verpflichtet ist, blickt heuer bewusst über die Stadt- und Ortsränder hinaus und widmet das Symposium 2013 der (UN-)Gestalt dispers besiedelter Kulturlandschaften und den Rändern der Stadt- und Siedlungsagglomerationen. Zuletzt hat sich das ISG 1981/82 mit einer groß angelegten Kampagne der Frage der Ortsbildpflege und –gestaltung gewidmet. Im Zentrum des heurigen Themas steht die Frage, warum übergeordnete Gestaltungsansätze gerade hier, am Übergang von der Stadt zum Land – Tom Sieverts kreierte den Begriff der „Zwischenstadt“ – so wenig Rolle spielen. Es stellt sich die Frage, woraus Örtlichkeiten am Rande der gewachsenen Stadt- und Ortszentren ihre Identität beziehen und ob überhaupt und wenn ja welche Rolle Gestaltung dabei spielt. Es geht auch darum, ob und wie historisch Gewachsenes, sei es im landschaftlich geprägten Umfeld oder in siedlungsnahen Bereichen, mit dem Neuen in Verbindung zu bringen ist. Und es geht um bewusstes, über individuelle Ziele hinausreichendes Gestalten der Lebensumwelt, sei es auf der Basis der Akzeptanz von übergeordneten Vorgaben, aus gesellschaftlicher Verpflichtung oder dem Antrieb des eigenen Bewusstseins auf dem Boden entsprechender Bildung.
Das zu bearbeitende Feld ist weit gespannt und soll im heurigen ISG Symposium in beispielhaften Aspekten anklingen. Eine grundlegende Bedeutung kommt sicherlich der Raumordnung zu, die in der Schweiz, in Bayern und in Österreich unterschiedlich gehandhabt wird. Ebenso wichtig zu betrachten sind soziologische Aspekte und Tendenzen zeitaktueller Lebensweisen – und vor allem, in welcher Weise Fachleute und Politik darauf reagieren. Die Bewahrung von wertvoller Bausubstanz als Anker für das bewusst machen von Qualität scheint ein weiterer wichtiger Ansatz zu sein, genauso wie die Organisation und öffentliche Erörterung von einschlägigen Wettbewerben. Aus Sicht der großen Städte ist der Umgang mit zunehmender Urbanisierung und dem daraus resultierenden physischen Wachstum, vor allem an den Rändern zu bewältigen. Gerade hier steht wie für alle Stadt- und Ortsränder die Entscheidung an, ob das Erscheinungsbild unmittelbar aus den Gesetzmäßigkeiten diverser Auto-orientierter Verhaltensweisen resultieren muss oder Maßnahmen für ein angestrebtes Stadt-, Orts- und Landschaftsbild mit eigener Identität gesetzt werden.

Gregor Spörk wird an der Veranstaltung nicht teilnehmen, weil für ihn als Maler eigentlich nur seine individuelle Verwirklichung Bedeutung hat. Das Internationale Städteforum jedoch hofft für sein Symposium 2013 auf regen Zuspruch von Politikern, Experten und am Thema Interessierten und auf die Chance, abermals einen fruchtbaren Diskurs über ein Thema in Gang zu setzen, das zwischen unterschiedlichen Fronten angesiedelt ist. Wie jedes Jahr wird ein ISG-Magazin das Symposium begleiten und mit seinen erweiterten Fachbeiträgen die Thematik breit behandeln.

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