Die Umworbene Stadt

21. - 23. Juni 2012 in Graz

Im Rahmen des ISG-Jahresthemas 2012 „Stadtbild / Ortsbild“ fokussieren wir bei unserem alljährlichen internationalen Symposium die Konfliktzone Werbung im Stadtraum. Die Reklame oder Außenwerbung lässt sich historisch weit zurückverfolgen und findet sich in unterschiedlichen Ausformungen in der abendländischen Geschichte. Die Gestaltung der Werbung reflektierte zumeist die jeweilige künstlerische Epoche und war lange Zeit ein bescheidenes Gestaltungselement im öffentlichen Raum. Die kleinteiligen wirtschaftlichen Strukturen griffen im Zeitalter der Industrialisierung zwar verstärkt nach mit Werbung bespielbaren Flächen im Stadtraum, doch grundsätzlich war ihre Dimension an den Verkehrsstrom der Fußgänger gebunden und blieb deshalb in einem überschaubaren Maß.
Das Auto als rasches Fortbewegungsmittel und die Erschließung der Städte und Orte durch den Individualverkehr forderten neue Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, sowohl im Hinblick auf die Art als auch den Maßstab der Werbemedien. Sie reichen von Fahnenwäldern, Werbetürmen, bewegten Laser-Lichtkegeln bis hin zum MEGAPOSTER, das ganze Fassaden verdeckt und den öffentlichen Raum als privaten Wirtschaftsraum zwangsbestimmt. Schon an Autobahnen und Straßen, an Raststationen und Rastplätzen ist die Plakatwand ein ständiger Begleiter. Transparente an Brückengeländern und turmhohe Hinweiszeichen zerteilen die Landschaft, meist ungeachtet der landschaftlichen Qualitäten. Die zunehmende Dichte der Werbeplakate signalisiert uns wie selbstverstandlich die Annäherung an die Stadt. Eine bunte Welt von Leuchtreklamen empfängt uns bei Nacht und signalisiert urbanes Leben und Vitalität. Bewegte Bilder auf Videowalls ringen um Aufmerksamkeit, selbst öffentliche Verkehrsmittel sind mittlerweile bewegliche Werbeträger.

In den historisch gewachsenen Stadt- und Ortskernen, die seit Jahren wieder an Wertschätzung gewinnen, besteht das Bemühen, ursprüngliche Authentizität durch Pflege der Bausubstanz und der öffentlichen Raume zurückzugewinnen. Der Autoverkehr wird zuruckgedrängt, um mehr hochwertigen Lebensraum für die Bewohner zu gewinnen und urbanes Leben zu fördern. Zugleich wird eine Vielfalt an wirtschaftlichen, touristischen und gesellschaftlichen Aktivitäten angestrebt, der das besondere Ambiente zu Gute kommt. Diese Bestrebungen werden, wenn man den Dingen freien Lauf lasst, durch unangepasste, unverhaltnismäßige und oft völlig unsensible Werbemethoden konterkariert oder zunichte gemacht.
In Graz beispielsweise findet sich trotz restriktiver Regelungen im Grazer Altstadterhaltungsgesetz selbst im wertvollsten, als UNESCO Welterbe anerkannten Altstadtbereich kaum ein Renaissanceportal oder eine Erdgeschossfassade, die nicht durch Werbetafeln, Fahnen, angepriesene Sonderangebote und Lokalhinweise zugepflastert sind. Manchmal erweckt gar die architektonische Gliederung den Anschein, sie sei exakt fur die darauf positionierte Werbung konzipiert worden.

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