© 2022 Hohmann

Verlag der TU Graz
304 Seiten mit zahlreichen Abildungen
Deutsch, Hardcover, Graz 2022
ISBN 978-3-85125-7

Zu beziehen beim Autor:
Dr. Hohmann oder im ISG

Verkaufspreis: € 39,-

Norm-Konform? Historische Bausubstanz im Zwiespalt

Form, Funktion und Konstruktion. Ursprung, Zustand und Zukunft.

Der Grazer Architekt Hasso Hohmann hat beinahe 50 Jahre nach Erscheinen seines ersten Buches „Giebelluckn und Stadlgitter“ ein drittes Sachbuch über diese Architekturdetails ländlicher Bauten herausgebracht. Auf ca. 300 Seiten legt er seine umfassenden Forschungen über Ziegelgitterbauten mit Schwerpunkt Steiermark dar, die nicht nur für Fachleute von Interesse sind. Seine umfassenden Darstellungen und Fotos sind Zeitdokumente, die, wie er im Laufe seiner Forschungen über diese Bauten feststellen musste, dem Verfall preisgegeben sind. Bereits die Hälfte der Objekte, die er in den 1970er Jahren dokumentierte, existieren heute nicht mehr.

Primär geht es darum, dass das noch nicht gänzlich getrocknete Heu in landwirtschaftlichen Heubergeräumen reichlich belüftet sein musste, um Kondensat-Feuchtigkeit und die Gefahr der Selbstentzündung, die durch Hitze aufgrund des Gärungsprozesses entstehen konnte, zu verhindern. Bauvorschriften in der ersten Hälfte des 19. Jhs. ließen die vorherrschenden Heustadel aus Holz, aus Gründen des Brandschutzes verschwinden. Je nach sozialen und regionalen Möglichkeiten wurden stattdessen Ziegelwerkscheunen errichtet. Während wohlhabendere Bauern der Obersteiermark diese von Wanderarbeitern, oftmals aus Friaul bauen ließen, war man in der West- und Oststeiermark beim Bau der oft kleinen Stallscheunen auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. Mit diesen Bauten entstanden die zur Belüftung notwendigen Ziegelgitter, die ebenso vor Einbruch schützten, wie zur Belichtung des Innenraumes dienten und verschiedenste Muster aufwiesen. In der Gestaltung der Ziegelgitter verbinden sich Funktion und formale Schönheit der gemauerten Kunstwerke. Oftmals waren diese Mauerlücken bewusst so gestaltet, um sowohl Regen, wie auch mittels sakraler Elemente das Eindringen böser Geister, im Besonderen des Feuerteufels abzuwehren.

Diese kurze Beschreibung des Inhaltes bietet nur einen knappen Überblick über die ersten 30 Seiten, in denen der Autor facettenreich die Erkenntnisse seiner mit großem Interesse verfolgten Forschungen an diesen Architekturdetails ländlicher Baukunst beschreibt. Die vielfältige fotografische Dokumentation des Autors zeigt Bauten mit Ziegelgittern, die Lehrbeispiele für den Einklang zwischen Funktion, Material und Formgebung sind.

Bauten mit Ziegelgittern haben durch die Entwicklung neuer Wirtschaftsformen ihre Funktion verloren und geraten immer mehr in Vergessenheit. Die Vergleiche des Autors mit ähnlichen Gitterkonstruktionen in Griechenland, Jemen und anderen durch Hitze belasteten Ländern, könnten einen Weg in die Zukunft weisen, wodurch bedingt durch den Klimawandel die Zweckmäßigkeit der Ziegelgitter zu Schutzbauten gegen Hitze und Sonneneinstrahlung auch in der Steiermark neue Bedeutung erlangen könnten.

Das Buch, das zu einem Standardwerk ländlicher Baukunst gehören wird, regt dazu an diesen architektonisch wichtigen außerurbanen Denkmälern in der steirischen Landschaft Beachtung zu schenken. Zu empfehlen ist dieses Werk Interessierten an Architektur, Baukunst, Geschichte, Volksfrömmigkeit und Kulturanthropologie im Allgemeinen.
Michaela Steinböck-Köhler

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