„STADTPARTERRE“ Publikation von Angelika Psenner
Rezensiert von Sigrid Verhovsek
Angelika Psenner, Professorin für Stadtstrukturforschung an der TU Wien, studierte Architektur in Wien, Paris und NYC, sowie Soziologie am Institut für Höhere Studien Wien: Eine Kombination mit viel Raum für Übergangzonen, die in ihrem 2023 erschienenen Buch „Stadtparterre“ ihre gesamte Relevanz entfalten kann.
Stadtstrukturforschung entwickelt die Stadtmorphologie weiter, indem die urbanen Formen der physischen Stadt sowie deren Planung auch unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet werden: „Die physische Form der Stadt wird als Ergebnis historischer, kultureller und sozialer Einflüsse interpretiert und vor dem politisch-ökonomischen Kräftespiel verwaltungstechnischer Vorgaben analysiert.“ (S. 12)
Vor diesem Hintergrund definiert Psenner das Stadtparterre zunächst räumlich als „Straße, Erdgeschoss, Hof und deren Übergänge“, soziologisch gesehen kann diese Zone als eine Art neuralgisches Gelenk gesehen werden, in dem sich öffentlich und privat auf vielfältige Arten miteinander verzahnen, voneinander Abstand nehmen oder gänzlich getrennt werden.
Welche räumliche und funktionale Kommunikation kennzeichnet dieses spezielle und sensible Netzwerk, wodurch wurde das Wiener (Gründerzeit-)Stadtparterre ge- und überformt, wie lässt sich dieses mit anderen mitteleuropäischen Stadtstrukturen vergleichen? Welche historischen Wechselbeziehungen bestanden zwischen Straßenraum und Gebäude, wie haben sich Nutzungsstrukturen verändert, und wie prägt all das unseren heutigen Alltag, den wir ja auch in diesem Raum erleben? Zur Beantwortung dieser Fragen in der großangelegten, mehrjährigen Studie wurde ein eigenes Forschungsdesign entwickelt, das sich zusammensetzt aus den klassischen städtebaulichen Werkzeugen, zweidimensionalen Grundrissaufnahmen, Quellenstudium von Baupolizei-Akten sowie von historischen und aktuellen Bauvorschriften, dreidimensionalem Urban Parterre Modelling (UPM), der Erstellung von über 100 Hausbiografien und einer eingehenden Feldforschung von drei gründerzeitlich geprägten Wiener Straßenzügen innerhalb und außerhalb des Gürtels.
Herzstück des Buches bilden die penibel recherchierten, grafisch exzellent in Szene gesetzten historischen Vergleiche dieser Straßenzüge: Auf je einer Doppelseite findet sich links der Stand von 1910, rechts jener von 2020 zunächst die Grundrissaufnahmen, dann die Nutzungsstrukturen, das Verhältnis von halböffentlichen und öffentlichen Räumen, der Anteil der gewerblichen Nutzung und der Wohnflächen, und schließlich Garagen und Lager sowie Leerstand. Weiters ergänzt wird dies zusätzlich durch Fassadenabwicklungen bzw. Fassadenänderungen, Permeabilitätsanalysen und den Änderungen der Fenster- und Türöffnungen.
Aufbauend auf dieser kompletten Erfassung des Stadtparterres und mit viel sozialhistorischem Hintergrundwissen wird eine profunde interdisziplinäre Analyse des veränderten Stadt(parterre)lebens vorgenommen. Die Ergebnisse sind vielleicht nicht immer überraschend, aber selten so gut belegt und derartig präszise und ohne jede Effekthascherei definiert. Phänomene wie introvertierte (und zur Introversion zwingende) Erdgeschosszonen, menschenleere Straßenräume, der Verlust essentieller urbaner Funktionen oder eben Leerstand werden auf Einflüsse, Entstehung und Entwicklung geprüft und entschlüsselt. Die sich daraufhin anbietenden Lösungsansätze für eine künftige nachhaltige Nutzung von Bestandsbauten bewegen sich in einem breitgefächerten Spektrum zwischen „reinen“ Gestaltungsmaßnahmen und notwendigen Gesetzesänderungen. Das dafür zunächst erforderliche Um- oder Nachdenken in Bezug auf unser Stadtparterre ist Voraussetzung, passiert aber spätestens dann, wenn man dieses Buch gelesen hat.
PS: Als eine Art Nebeneffekt am Forschungs-Rande der Studie wurden zudem interessante Ergebnisse zur Typus-Differenzierung zwischen Arbeiterzinshaus und bürgerlichem Zinshaus sowie zu großangelegten städtebaulichen Nivellierungen im Wiener Stadtgebiet offenbar. Beinahe wünscht man sich, A. Psenner möge nicht hierbei weiterforschen, sondern ihr Augenmerk auf nicht-gründerzeitliches Stadtparterre richten, das dieses Wissen und diesen klaren Blick auch gut brauchen könnte.
