Partnerschaft für eine neue Lebenskultur

ISG Nachrichten 1994/1-2

Geleitwort

Nicht nur Optimisten hatten 1989 beim Zusammenbruch des kommunistischen Systems, beim Fall des Eisernen Vorhanges und der Berliner Mauer gehofft, nun werde sich ein Aufbruch in eine bessere Zukunft ereignen. Inzwischen zeigte sich jedoch, daß die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Fehlentwicklungen von rund 70 Jahren (Sowjetunion) und von fast 50 Jahren (Ostblock) nur in langen Zeiträumen auszugleichen sind, daß die Wiedervereinigung Deutschlands viel schwieriger und teurer ist als gedacht, daß Chauvinismus und Nationalismus in weiten Teilen unseres Kontinentes schwere Spannungen und grauenhafte Auseinandersetzungen ausgelöst haben.

Trotz der Verdüsterung der gesamten Weltlage, die von Rezession und Arbeitslosigkeit bestimmt ist, gibt es dennoch Lichtblicke. Die positiven Kräfte der Europäischen Union und der beitrittswilligen Länder setzen auf Ausweitung und vielfältige Kooperation, Länder wie Frankreich und Deutschland, die sich oft bekriegten, arbeiten eng zusammen, im ehemaligen Jugoslawien ist zumindest zeitweise eine gewisse Entspannung spürbar.

Viele gute Menschen haben durch „Nachbar in Not – Initiative Frieden“ ärgstes Elend lindern geholfen, die neue Wiederaufbaukampagne „Ein Dach über dem Kopf“ soll Abertausenden Flüchtlingen die Heimkehr in ihre schwer beschädigten Städte und Dörfer ermöglichen. Das Motto und manche Beiträge dieser ISG-Nachrichten zeigen aber auch, daß wir in den verschiedenen Gemeinschaften und Institutionen eine neue Lebenskultur anstreben müssen – vom Egoismus zur Solidarität, vom Mißtrauen zum Grundvertrauen, von Haß und Mißgunst zum gegenseitigen Wohlwollen, vom Gegen- und Nebeneinander zum Miteinander. Noch bietet dieses Jahrhundert fünf Jahre Einstimmungszeit auf das dritte Jahrtausend.

Prof. Max Mayr
ISG Präsident

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