Domenig_Huth_Pädagogische Akademie Eggenberg

© 2019 Christian Probst

New Heritage: Ein Generationenvertrag!

Tagungsband 2019

Dipl.-Ing. Niklaus Ledergerber, Vizepräsident des Internationalen Städteforums in Graz

Vittorio Lampugnani beschreibt in seinem Buch «Die Stadt der Moderne – Strategien zu Erhaltung und Planung» verschiedene erfolgreiche wie auch illusionistische städtebauliche Konzepte des 20. Jahrhunderts und kommt zum Schluss: „Jeder Versuch, eines dieser urbanen Phänomene nach den Gesetzen eines anderen zu pflegen, würde ihm ein spektakuläres Unrecht antun und wäre zum Scheitern verurteilt. Es kann nur darum gehen, diese Phänomene zu akzeptieren, auch wenn wir dazu zwar ausreichend historische Distanz aufgebaut haben, aber nicht genügend Abstand, um ihnen gegenüber emotionslos zu bleiben“. Damit trifft er das Herz der Denkmalpflege.

Bis anhin beschäftigte sich die Denkmalpflege meist mit Architekturen, die stets eine lange Lebensdauer, nicht selten sogar einen Ewigkeitswert beanspruchten. Nun aber fordern die Avantgardisten der Moderne explizit die Kurzlebigkeit und damit auch die Veränderbarkeit des Gebauten. Antonio Sant’Elia verlangte gar in seinem Manifest La città futurista: „Jede Generation wird sich ihre eigene Stadt bauen müssen“. Wir sehen uns somit mit dem Paradoxon konfrontiert, etwas zu bewahren, was weder kulturell noch materiell auf eine langfristige Erhaltung ausgelegt ist. Diese Auseinandersetzung ist schwierig, aber gleichzeitig auch inspirierend. Sie zwingt unsere Generation, den Denkmalwert nicht mehr nur an konservativen Architekturvorstellungen zu messen, sondern darin ebenfalls die ganze Komplexität eines Bauwerks zu begründen. Längst reichen dazu die gängigen Erhaltungskriterien wie architektonischer Wert, künstlerische Qualität oder baugeschichtliche Bedeutung alleine nicht mehr aus. In die Schutzüberlegungen müssen auch Architekturtheorie, Technikgeschichte oder die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte einfließen. Daraus das Ende der klassischen Denkmalpflege abzuleiten wäre jedoch ebenso falsch, wie das sture Festhalten am herkömmlichen Denkmalbegriff. Wir müssen daran arbeiten, die Authentizität dieser Objekte zu stärken, und damit sind nicht nur das Erscheinungsbild, die räumlichen Qualitäten oder die bauzeitlichen Oberflächen gemeint. Unsere neuen Denkmäler verlangen eine präzise Auseinandersetzung mit der Architekturtheorie, der Logik des Bauwerks sowie den individuellen Ideen des Entwerfers. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind die Voraussetzung, um das Denkmal den Verwertungsinteressen der Investoren, dem Unwissen von Behörden oder dem Vergessen und Verachten zu entziehen. Dieser Herausforderung müssen sich Denkmalpflege und Behörden, aber auch Architekten sowie die Wissenschaft mutig stellen.

Lampugnani schliesst seinen Aufsatz mit den Worten: „Nur sie (damit meint er die Denkmalpflege) kann und muss sich als Vertreterin jener Objekte erheben, die vielleicht zurzeit niemand mehr haben will, welche aber in der Zukunft, die nicht abzusehen ist, wieder eine Bedeutung erlangen werden, die wir nicht missen wollen und dürfen.“

Niklaus Ledergerber
VORWORT S.8

Susan Nial
NEW HERITAGE IN NEW YORK S.10

Sabina Tanovic
ARCHITEKTUR UND DENKMALKULTUR S.22

Ingrid Holzschuh
ARCHITEKTUR NACH 1945 S. 32

Johann Gallis
BRUTALISMUS IM BURGENLAND S.52

Andrea Jany
BAUKULTUR DURCH MITBESTIMMUNG S.80

Ingrid Frisch
SCHULRAUM ALS BAUKULTURELLES ERBE S.100

Ingrid Böck
EXPERIMENTELLE ARCHITEKTUR REVISITED: DAS HAUS ZANKEL VON KONRAD FREY S.118

Andreas Dopfer
MUSEUM TONOFENFABRIK LAHR S.134

Hansjörg Luser
NACHLESE S.154

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