Die kulturelle Identität ganzer Regionen ist bedroht
Zum 4. Internationalen Kongress für Altstadt und Baukultur in Graz: „Wiederaufbau nach Krieg und Erdbeben“
Den Einsatz verstärken
Die Gefahren für die unverwechselbare Kultur in unseren Regionen und Ländern sind in den letzten Jahren leider nicht kleiner geworden. Im Gegenteil. Serbische Politiker und Militärs versuchen seit Kriegsbeginn im Juni 1991 durch die Zerstörung von Gotteshäusern, Theatern, Bibliotheken, Palais, Schlössern und typischen Straßenzügen die kulturelle Identität in Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina auszulöschen. Es heißt, daß in Sarajewo schon rund 80% der orientalischen Denkmäler vernichtet sind.
Mit großer Sorge müssen wir leider auch feststellen, daß bei der rasch angekurbelten Bautätigkeit in den neuen deutschen Bundesländern und in den Osttsaaten auf wertvolle historische Substanz in vielen Fällen überhaupt keine Rücksicht genommen wird.
„Baulöwen“, unter ihnen auch Österreicher, schieben mit Bagger und Caterpillar weg, was ihrem Gewinnstreben im Wege steht. Eine dramatische Kurzreportage der ORF-Korrespondentin Barbara Coudenhove-Kalergi zeigt, wieviel Uhr es geschlagen hat. In Prag wurde die Chefin des Denkmalamtes entlassen, weil sie sich eindeutig gegen den Ersatz wertvoller, maßstabgetreuer Gebäude durch öde Giganten ausgesprochen hat. Solche Bürosilos sollen auch am Moldau-Ufer entstehen. Die „goldene Stadt“ würde damit jener Verschandelungswelle preisgegeben, wie wir sie in Westeuropa aus den 60er Jahren kennen. Künstler und Architekten bleiben mit ihren Protesten de facto allein. Staatspräsident Vaclav Havel unterstützt sie zwar, doch fehlt im für ein Stoppen der Schubraupen die Machtbefugnis.
Für alle kulturbewußten Zeitgenossen in Europa bedeuten die aufgezeigten Zerstörungen und Negativtendenzen, den Einsatz für unser gebautes Erbe neuerlich zu verstärken, auch durch einen „Solidarpakt“ mit den Betroffenen.
Wir vom Internationalen Städteforum Graz hoffen, daß wir mit dem Kongreß „Wiederaufbau nach Krieg und Erdbeben“, aber auch mit der Fortsetzung der Farbdokumentation von EUROPA NOSTRA Impulse für gute Weichenstellungen in das 3. Jahrtausend auslösen können.
In diesem Sinne laden wir sehr herzlich zum Erfahrungsaustausch ein.
Prof. Max Mayr
Präsident des ISG
