Damit unsere Städte nicht im Verkehr ersticken

ISG Nachrichten 1990/3

Das „Memorandum von Graz“

Unsere Städte sind in diesem Jahrhundert schon von der dritten Zerstörungswelle bedroht.

In den beiden Weltkriegen fielen Millionen Bauwerke im buchstäblichen Sinn des Wortes in Schutt und Asche. Die Wiederaufbauphase setzte mit drei schweren Fehlentwicklungen den historisch gewachsenen Zentren zu: Jahrzehntelang vernachlässigte Bausubstanz ließ man weiter verfallen. Breite Gürtel gesichtsloser Neustädte („Länge mal Breite mal Geld“) legten sich – einschnürend – um die jeweilige City. Bulldozer beseitigten, was hochfliegenden Plänen im Wege stand.

Wir in Graz haben diese Tendenzen Anfang der siebziger Jahre mit dem Ruf „Spitzhacke halt“ und „Rettet die Grazer Altstadt“ gestoppt. Der „1. Internationale Kongreß für Altstadt und Baukultur“ (1974) schärfte das Bewußtsein für neue Qualitäten und zusätzliche Aufgaben – auch in den Dörfern und Märkten, in den Bezirks- und Kreisstädten.

So standen, zehn Jahre später, beim Jubiläumskongreß der ländliche Raum und die Industriedenkmäler im Vordergrund: Motto: „Lebensraum Europa“ – unser Kontinent soll die Teilung überwinden und die Schätze der Jahrhunderte durch Pflege bewahren. Dies wäre leichter, wäre aus dem einstigen Traum vom Auto nicht der „Alptraum Auto“ geworden. Und so steht unser dritter Kongreß unter der Last von Blechlawinen: „Ersticken unsere Städte im Verkehr?“.

Die Antwort ist eindeutig ja, wenn wir nichts dagegen tun. Damals, 1974, haben wir nach ausgiebigen Diskussionen die „Proklamation von Graz“ verabschiedet, um der weiteren Vernichtung unseres Kulturerbes einige Riegel vorzuschieben. Der Erfolg lohnte den Einsatz.

Jetzt wollen wir mit einem „Memorandum von Graz“ wiederum Nachdenklichkeit auslösen, schon vorhandene Lösungen unterstützen und neue Impulse setzen. Einem Mann der ersten Stunde im Städteforum, dem langjährigen Baustadtrat von St. Gallen, Werner Pillmeier verdanken wir die Anregung und den ersten Entwurf. Das „Papier“ wird zum Kongreßanfang einem Arbeitskreis vorgelegt und zeitgerecht in den Händen aller Teilnehmer sein.

Es gibt Hoffnung. In zahlreichen Ländern erarbeiten Initiativgruppen verschiedene Alternativen zur derzeitigen Bedrohung, mutige Stadtväter betreiben eine neue Verkehrspolitik, die Chefs großer Autokonzerne propagieren die autofreie Innenstadt und umweltschonende Verkehrssysteme.

Ein Lichtblick ist auch das Foto auf dieser Seite. Bundespräsident Richard von Weizsäcker erhielt kürzlich zum Siebziger ein Fahrrad geschenkt und probiertes es gleich aus. In den sechziger Jahren wäre dies wohl undenkbar gewesen, da hätte das deutsche Staatsoberhaupt ganz sicher eine Luxuslimousine bekommen.
Wir freuen uns auch darüber, daß uns Bundespräsident von Weizsäcker für den Grazer Verkehrskongreß ein gutes Gelingen und breite Resonanz wünscht

Prof. Max Mayr
Präsident des Internationalen Städteforums Graz

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